Das ist ein Test

Magazin Artikel 03

Wie Pfeffer und Salz.


  

Ingrid und Hans-Joachim Naber sind ein Unternehmerteam – nicht nur in der Küche. Die begeisterten Sammler von Alltagskunst, Schnitzereien aus dem Erzgebirge und Memphis Design führen seit 1975 die Naber GmbH. Er als kreativer Kopf und Chefentwickler, sie als Managerin, die alle organisatorischen Zügel in der Hand hält. Beide sagen übereinstimmend: Ohne gute Organisation geht nichts. Also überließen sie auch beim Besuch am Firmensitz in Nordhorn nichts dem Zufall. Eine Begegnung.
 
Drahtig sieht er aus: Silberhaar, sorgfältig gestutzter Bart, gebräunt wie ein Bergführer. Oder ein Skipper. Hans-Joachim »Hajo« Naber setzt sich an den Besprechungstisch und legt den Arm lässig über den Nachbarstuhl. »Möchten Sie Wasser? Oder Kaffee?«, fragt der Inhaber der Naber GmbH, dann schenkt er sich selbst Tee ein. Auf dem Tisch der Stapelgeschirr-Klassiker »TC 100« von Hans Roericht und Kahla-Schälchen. Auf der Besucherseite steht ein Metallschild »Gast«. Bei Naber wird wenig dem Zufall überlassen.
 
Der Tee dampft, und Hans-Joachim Naber sprudelt los, erzählt von seinem Leben, seiner Herkunft, Vater und Großvater Schreiner und Unternehmer. Daheim hieß es immer, das solle lieber sein Bruder reparieren, Hajo habe zwei linke Hände. Nun ist Hans-Joachim Naber selbst Produktentwickler, einer, der Dingen auf den Grund geht. Und dafür jede Menge Patente erhielt. »In der Schule war ich eher nicht so gut«, schmunzelt Naber. Lieber machte er Sport: Turnen, Fußball, Fechten, vor allem Laufen. 11,3 Sekunden auf 100 Meter. Seine Paradedisziplin war der Langlauf. Naber ist ein Steher. Als er sich einmal nach langer Wettkampfpause wieder an die 5000 Meter machte, brach er ein, es stach in der Seite, viele Läufer zogen an ihm vorbei. Doch Hans-Joachim Naber gab nicht auf. Irgendwann merkte er: Da geht noch was! »Tatsächlich konnte ich noch einige wieder überholen.«
 
Und das Unternehmen? Ist das auch so ein Langstreckenrennen? Naber lächelt. »Wir hatten eine stetige Entwicklung.« Das Wichtigste sei, den Markt zu kennen. Und er sei ziemlich gut im Beobachten, sagt Naber, gut darin, Lücken zu entdecken, Dinge, die fehlen, die man anpacken könne. Dazu braucht der Unternehmer Informationen. Systematisch wertet er Zeitschriften aus, nicht nur die, die am Bahnhofskiosk liegen, sondern alles, was international erscheint. Seine Leidenschaft: neue Magazine am Flughafen entdecken und gleich abonnieren. Zum Beweis holt Naber eine Mappe mit aktuellen Clippings hervor. Die wenigsten Artikel befassen sich explizit mit Innovationen in der Küche. »Das«, meint der Chef, »ist ja das Interessante: plötzlich auf Neues aus einer ganz anderen Ecke zu stoßen.«

 
Ohne Vorzimmer direkt
zur Chefin

 

Im ersten Stock bespricht sich Ingrid Naber gerade mit der Buchhaltung. Die gleichberechtigte Firmeninhaberin, zuständig für Personal, Organisation und Finanzen, verzichtet auf ein Vorzimmer. »Hier kann jeder kommen, jederzeit«, sagt sie. Sie kennt die Wünsche und Sorgen ihrer Mitarbeiter. Bei Ingrid Naber schütten viele ihr Herz aus. »Ich helfe gern«, sagt die Managerin, »aber ich kann auch unangenehm werden.« Klare Worte sind ihre Sache. »Ich übernehme auch die eher ungeliebten Entscheidungen im Unternehmen.« Selten verlassen Mitarbeiter den Betrieb. Die Naber GmbH ist eine große Familie. 180 Mitarbeiter machen die Firma zu einem der größten Arbeitgeber in Nordhorn seit dem Niedergang der hiesigen Textilindustrie. In einem dieser Unternehmen hat Ingrid Naber selbst gelernt, die Begeisterung für Mode ist ihr geblieben.
 
Ingrid und Hans-Joachim Naber sind ein eingespieltes Team. Sie ergänzen einander. Wie Salz und Pfeffer. Hier die zupackende Managerin (»Ich behalte Dinge gern in der Hand«), dort der Entwickler, der Dinge ganzheitlich voranbringt. »Nicht alles muss man selbst erfinden«, meint Hans-Joachim Naber, den vor allem eines antreibt: eine unglaubliche Neugier auf die Welt. »Ich möchte nie Meister sein«, sagt er unvermittelt, »lieber Lehrling, jemand, der für die Logistik in der Küche sorgt. Damit schafft man nämlich wirklich Erleichterung.« Und da ist im Laufe von Jahrzehnten einiges entstanden.
 
1975 übernahmen Ingrid und Hans-Joachim Naber den Großhandel für Tischlereibedarf und Möbelbeschläge, den Hermann Naber seit 1948 aufgebaut hatte. Konsequent setzten sie nun auf Küchenzubehör. Und hatten Erfolg damit. Im selben Jahr entsteht das Luftkanalsystem »Compair«, 1976 folgt »Dassa«, ein in die Arbeitsplatte eingepasster Abfallsammler, der noch heute im Programm ist. Ausgefeilte technische Lösungen und vielfach mit Preisen ausgezeichnetes Design machen Naber aus. Dazu kommen fast 40 Jahre Erfahrung mit Abluft- und Abfallsystemen. »Ohne Bewährtes in Frage zu stellen, strebt Naber kontinuierlich nach dem überraschend Neuen, dessen Wert im täglichen Gebrauch nachhaltig anhält«, hieß es 2008 in der Broschüre zum 60-jährigen Bestehen der Firma. Daran hat sich nichts geändert.

 
Im Archiv des passionierten
Sammlers

 

»Warten Sie, gleich hab ich’s«, beruhigt Hans-Joachim Naber seinen Gast und gräbt sich durch Container mit Material. Der 68-Jährige wuchtet Container für Container, entdeckt immer neue Stücke. Die Wände seines Büros überzieht ein Teppich aus Plakaten, Blechen, Schildern und Sprüchen. Es wirkt wie das Archiv eines passionierten Sammlers. Oder wie ein französisches Bistro, das wegen Überfüllung schließen musste. In diesem Gesamtkunstwerk à la Kurt Schwitters hat sich Naber einen Inspirationsraum gerettet, einen Ort geregelter Unordnung in einem Verwaltungsgebäude, das sehr clean wirkt, durchdacht bis ins Detail. Eigentlich, berichtet der Chef, hatte er ein Eckbüro erhalten, doch da habe er sich nicht wohlgefühlt, so abgeschnitten vom Geschehen. Nun hat Sohn Lasse, seit 2003 Mitglied der Geschäftsleitung, das betreffende Zimmer bezogen. Und Vater Hans-Joachim sitzt mittendrin, in seinem Inspirationsraum mit Blick auf die Anlieferung und den flachen Forschungspavillon, halb versteckt hinter Grün und einer Sammlung von Objekten, Figuren und Aufstellern auf dem Fenstersims. Rechts im Eck steht eine Holzfigur mit Bart und Brille, die an Kapitän Haddock aus dem Comic »Tim und Struppi« erinnert, freilich ohne Kapitänsmütze. »Das bin ich selbst«, sagt Hans-Joachim Naber, »ein Geschenk der Mitarbeiter. Die wussten, dass meine Frau und ich Holzfiguren aus dem Erzgebirge sammeln.« Viel Platz ist nicht mehr auf dem Schreibtisch, eine Phalanx von Zetteln hat sogar die Schreibunterlage erobert, das Powerbook ist ganz an den Rand geschoben. Links daneben liegen drei Hefte in Orange, Blau und Lila. »Ideas«, »Concepts«, »Inspiration« steht auf ihnen. Allmählich versteht man, woher die vielen Ideen kommen und wie Hans-Joachim Naber sie verbindet, sodass irgendwann Produkte daraus werden – echte Dinge, die verkaufbar sind.
 
Und wo entstehen all diese Gegenstände? Naber leistet sich eine eigene Entwicklungsabteilung. Gleich am Eingang des Labors warnt ein Schild vor unbefugtem Betreten. Einige Schleusen später stehen wir im Allerheiligsten, ein klinischer Raum, in dem es klingt wie in einem Waschsalon. Die Geräusche stammen jedoch nicht von gemächlich rotierenden Trommeln, sondern von einer Versuchsanordnung, die verschiedene Abluftsysteme testet. Ansaugen. Stillstand. Ansaugen. Stillstand. Hans-Joachim Naber weist auf den Zählerstand: Fast 70 000 Zyklen hat das Teil schon hinter sich. Im nüchternen Licht der Abfallsystem-Testanlage zieht der Chefentwickler Schublade für Schublade auf. Auch Systeme von Mitbewerbern sind darunter, auch sie werden genau studiert. Es gilt, die Lücke zu finden – konstruktiv und gestalterisch. Naber hält über 200 Patente, Gebrauchs- und Geschmacksmuster, eingetragene Marken und Warenzeichen. Im Vordergrund stehen für ihn Nutzerkomfort, hohe Materialqualität, gute Verarbeitung und Gestaltung. Dafür gab es ein Dutzend Preise bis hin zum »Designpreis der Bundesrepublik Deutschland«, der höchsten offiziellen deutschen Auszeichnung im Bereich Design.

 
Schätze, vom Keller
bis zum Dach

 

Hinter dem Logistikzentrum steht ein schmuckloses Haus, es war das alte Büro, bevor 2008 das karminrote Verwaltungsgebäude entstand, das drinnen noch heute so wirkt, als sei es gerade in Betrieb genommen worden: kein Krümel in der Ecke, keine unaufgeräumte Teeküche, keine überquellenden Schreibtische. »Es ist mir einfach ein Anliegen, dass hier alles perfekt aussieht«, hatte Ingrid Naber vorgegeben – und recht behalten. Ordnung soll auch im alten Bürogebäude bald wieder herrschen. Bislang türmen sich noch halb ausgepackte Schätze vom Keller bis unters Dach: Tausende von Figuren aus dem Erzgebirge. Engel in Schachteln und Engel in Kindergröße, mannshohe Pyramiden und Miniaturausgaben von Weihnachtsschmuck. Das Erzgebirge, das ist die große Leidenschaft von Ingrid Naber. Jedes Jahr gehen fast 2500 Räuchermänner als Weihnachtsgeschenke an Freunde des Hauses und Geschäftspartner. Anfangs hätten die Vertreter die Figuren eher erstaunt entgegengenommen, heute gibt es regelrechte Fans für das außergewöhnliche Geschenk. Im Großen wie im Kleinen gilt: Erst ist das Neue fremd, aber irgendwann möchte man es nicht mehr missen. Widerstände überwinden und Menschen ins Boot holen, das kommt Ingrid und Hans-Joachim Naber bekannt vor. Sie praktizieren es täglich.
 
Ins Erdgeschoss soll das Naber-Firmenmuseum einziehen: Bilder des ersten Messestands auf der interzum im Mai 1981 in Köln, die Ehrenurkunde des Großvaters Gerrit Naber zum 50-jährigen Meisterjubiläum im November 1962, weiß-grüne Naber-Fußballwimpel mit dem Motto »Wer sich nicht bewegt, bewegt nichts«. Zugleich soll eine kleine Geschichte der Einbauküche lesbar werden. Von der berühmten »Frankfurter Küche« Margarete Schütte-Lihotzkys über Nachkriegseinbauten bis hin zur Concept Kitchen von Kilian Schindler, mit der die Firma Naber all jene erreichen will, die für Einbauküchen inzwischen verloren gegangen sind. Modular aufgebaut, streng weiß und metallisch der Korpus, zeigt das mit dem »Designpreis der Bundesrepublik Deutschland« bedachte Stück, was Kochen für eine mobile Generation bedeuten könnte: puristischer Fun.

 
In der Tradition
der »Frankfurter Küche«

 

Es ist spät geworden. Ingrid und Hans-Joachim Naber sitzen unter der Pergola. Subtropisch fühlt sich der Abend an, Federwolken verwirbeln im Restlicht. Eigentlich wollten sie essen gehen. Doch es gibt immer etwas zu tun. Heute sind Fotografen im Haus. Früher konnte er das eher, sinniert Hans-Joachim Naber und steckt sich die Pfeife an: abschalten. Selbst im Urlaub dauert es eine Woche, bis der begeisterte Wanderer so richtig weg ist. Er sagt das einfach so, ohne Klage. Ingrid Naber nickt wissend. Es gibt Pizza und Wasser am langen Tisch. Der Gärtner ist mit dabei, Fotograf Markus Burke aus München mit Assistent und der Frankfurter Designer Adrian Nießler. Hinter den übermannshohen Hainbuchenhecken arbeiten sie an Fotos der Concept Kitchen, einem völlig neuen Ansatz des Unternehmens. Erstmals bietet der Zulieferer eine eigene Systemküche an, eine, die durchaus in der Tradition der »Frankfurter Küche« steht, doch vor allem von dem Gedanken der Freiheit geprägt ist. Für Menschen, die sich nicht mit einer fertigen Einbaulösung abfinden wollen, sondern ihr Stück in die nächste Wohnung mitnehmen und ständig verändern möchten. Ein greifbares Stück Flexibilität. Auch dafür galt es Widerstände zu überwinden. Ingrid Naber seufzt: »Erst dachte ich: Na ja, was das wohl kosten mag?« Doch längst hat die Concept Kitchen in der resoluten Managerin ihre überzeugendste Anhängerin gefunden. »Vom Design her finde ich sie wunderschön«, sagt Ingrid Naber und setzt hinzu: »Ich würde sie mit anderen Teilen kombinieren.« Und darin ist sie wahrlich meisterlich.

 

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