Das ist ein Test

Magazin Artikel 02

»Am Anfang stehen Überlegungen zu der Struktur, nach der wir leben.«
  

Gemeinsam mit der Firma Naber, dem auf Küchenzubehör spezialisierten Familienunternehmen aus Nordhorn, entwickelte das Bureau Kilian Schindler ein modulares Küchensystem. Mit ihrer flexiblen, offenen Gestaltung sorgte die Concept Kitchen auf einschlägigen Messen für Aufsehen und wurde mit den renommierten Designpreisen »Plus X Award 2011«, »Interior Innovation Award 2012« und Gold in der Kategorie Home Interieur des »German Design Award 2012« ausgezeichnet. Mit dem Produktdesigner Kilian Schindler sprach Sophia Muckle in seinem Karlsruher Büro.
 
» Ihr Entwurf der Concept Kitchen wirkt wie ein radikaler Gegenentwurf zur klassischen Einbauküche. War diese Position von Anfang an geplant, Herr Schindler? «

 
Nein, dieser Gedanke stand nicht im Vordergrund. Das Projekt begann viel besser – nämlich mit grundsätzlichen Überlegungen zum Leben, Arbeiten und eben auch zum Kochen. Da ging es um die Frage, wie oft man im Leben umzieht: Was nimmt man mit, was bleibt zurück? Bei jedem Umzug ist die Küche ein Problem. Als Besitzer einer Küchenzeile muss man heilfroh sein, wenn der Nachmieter das Ding abnimmt. Der Begriff »Einbauküche« verrät schon, dass sich die Küche in die Architektur einfügt – und die nächste Wohnung erfordert garantiert andere Einbauten. Deswegen war uns wichtig, dass sich die Concept Kitchen an die Lebensumstände und die eigenen Vorlieben anpasst. Wir haben das System so gestaltet, dass der Aufbau unkompliziert und ohne Werkzeuge zu schaffen ist. Damit wird die Küche zum Möbel, das man einfach mitnimmt. Eine andere Frage, die uns interessierte, war: Wo braucht man eine Küche? Es wird doch nicht nur zu Hause gegessen und gekocht, sondern im Büro, in der Werkstatt, bei Ausstellungen oder im Schrebergarten. Für diese Mahlzeiten benötigt man aber nicht die Ausstattung, die man zu Hause im Schrank hortet. Daher ist die Concept Kitchen weniger eine Gegenposition zur Einbauküche, sondern eher eine Alternative – die praktische Lösung für eine Vielfalt von Situationen und Bedürfnissen.
 
» Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Naber, die so viel Freiraum für grundsätzliche Überlegungen ließ? «
 
Die Zusammenarbeit mit Naber entstand aus einem ganz anderen Projekt. Für den Entwurf einer Garderobe hatte ich mich mit Schrebergärten beschäftigt. Mich faszinieren Schrebergartenhütten, die oft eine Collage aus Fertigteilen und eigenen Lösungen der Gartenbesitzer sind. Da entstehen Miniaturwelten – mal rustikal, mal mediterran, aufgeräumt oder chaotisch. Auf jeden Fall authentisch und lebendig.
 
Als Garderobe hatte ich deshalb einen Metallrahmen entworfen, angelehnt an die Rank- und Kletterhilfen, die man im Garten verwendet. Der Entwurf liefert ein Gerüst, und der Besitzer entscheidet, wie die Garderobe aussehen soll – ordentlich, reduziert und minimalistisch oder völlig zugehängt und überbordend. Dieser Gestaltungsansatz hatte Herrn Naber, den Seniorchef des Unternehmens, neugierig gemacht, und deswegen kontaktierte er mich.
 
» Was zeichnet neben den zahlreichen Designpreisen Ihrer Meinung nach das Projekt aus, Herr Schindler? «
  
Die Auszeichnungen sind natürlich eine tolle Bestätigung für den Entwurf. Was das Projekt für mich aber so besonders macht, ist auf den ersten Blick gar nicht sichtbar! Ich fand es zum Beispiel außergewöhnlich, dass sich ein Unternehmen auf etwas ganz Neues einlässt und erst mal in eine umfangreiche Recherche investiert. Naber ist ursprünglich ein Spezialist für Küchenzubehör, der mit der Concept Kitchen Neuland betritt. Das Projekt ist deswegen für alle Beteiligten – bis hin zu den Mitarbeitern im Außendienst – ein intensiver Lernprozess. Diese Bereitschaft zum gemeinsamen Lernen und die enge Zusammenarbeit mit dem Produktentwickler Martin Staaks, der mit mir an den Details tüftelte, machten überhaupt erst die Entwicklung eines neuen Ansatzes möglich. Der neue Ansatz besteht darin, dass die Küche ganz bewusst nur ein Gerüst liefert, das erst der Benutzer mit Leben füllt. Die Modulstruktur ermöglicht außerdem, dass man sich nur das anschafft, was man braucht. Wenn ich als junger Mensch in meiner ersten Wohnung nur selten koche, will ich keine ganze Küchenzeile kaufen. Trotzdem möchte ich mein Geld nicht in zukünftigen Sperrmüll investieren, sondern suche eine Lösung, die sich mitnehmen, erweitern oder umnutzen lässt und die in Europa zu vernünftigen Konditionen gefertigt wird. Ändert sich die Stadt oder die Lebenslage, kann ich mein Modul mitnehmen und ergänzen. Zum Beispiel durch ein weiteres Modul oder doch durch die Einbauschränke, die meine Freundin mitbringt. Diese Flexibilität versteckt der Entwurf nicht hinter Fronten, sondern er setzt sie in Szene. So eine Entwicklung ist nur möglich, wenn man am Anfang über die Strukturen nachdenken kann und darüber diskutiert, wie wir eigentlich mit den Dingen leben. Wenn man beim Entwerfen solche Gedanken umsetzen kann, dann ist das schon etwas Besonderes!
 
» Das Innovative der Concept Kitchen besteht ja wohl vor allem im gestalterischen Ansatz und der Struktur, die ja auf den ersten Blick ganz einfach wirkt?! «
 
Wenn etwas einfach oder selbstverständlich wirkt, dann ist das ein echtes Kompliment. Aus Erfahrung kann ich aber sagen, dass man dafür lange an den Details tüftelt. Der Metallrahmen der Concept Kitchen ist auf Schwerlasten ausgelegt – damit man beispielsweise den Herd in der Höhe einbauen kann, wo man ihn braucht. Damit die Böden trotzdem leicht wirken, haben wir Traversen in den Böden entwickelt, die den Materialverbrauch senken und die Stabilität sichern. Ähnlich viele Überlegungen stecken in dem Clipsystem, das dafür sorgt, dass man die Böden in der Höhe verstellen kann. Um nur ein paar der technischen Feinheiten zu nennen. Aber das ist so ein Moment, über den ich mich richtig freue: Man kauft sich etwas, weil es gut aussieht oder weil es praktisch sein könnte – und dann entdeckt man beim Gebrauch, dass es auch noch richtig clever ist.      

 

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